Die Bundesrepublik Deutschland und deutsche Unternehmen gerieten Ende der 1990er Jahre unter Druck aus den USA, Polen und anderen Staaten, die noch lebenden ehemaligen Zwangsarbeiter zumindest symbolisch zu entschädigen und damit auch das ihnen zugefügte Unrecht offiziell anzuerkennen. Im Jahr 2000 entstand die Bundesstiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“, die selbst oder über internationale Partnerorganisationen vor allem an ehemalige NS-Zwangsarbeiter individuelle humanitäre Leistungen zahlte. Es war weniger eine Entschädigung als eine moralische Geste. Über 1,6 Millionen Überlebende erhielten einmalige Zahlungen, die je nach Herkunftsland und Schwere der Lagerbedingungen differierten. KZ- und Ghetto-Häftlinge erhielten den Maximalbetrag von 7.669 Euro, Inhaftierte in Arbeitserziehungslagern und sogenannten „anderen Haftstätten“ bekamen zwischen 3.068 und 7.669 Euro, Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter in der Industrie in der Regel 2.556 Euro, in der Landwirtschaft Eingesetzte und Kinderhäftlinge zwischen 536 und 2.235 Euro.
Ehemalige Zwangsarbeiter wurden nun zu Tausenden interviewt, es entstanden Online-Plattformen, Publikationen, international beachtete Ausstellungen. Es wurden Länderstudien erarbeitet und einzelne Unternehmen bereiteten ihre Geschichte auf; Beteiligte und Profiteure wurden bekannt. Genderfragen tauchten auf, weil insbesondere Frauen immer wieder sexueller Gewalt ausgesetzt waren – und in diesem Kontext stellte sich auch die Frage nach dem Schicksal von in der Zwangsarbeit geborenen Kindern und dem grausamen System der „Ausländerkinder-Pflegestätten“. Das abstrakte historische System der NS-Zwangsarbeit wurde in seiner abgrundtiefen Monstrosität und Gewalt ausgeleuchtet. Das Leid erhielt Gesichter und Tausende individueller Geschichten. In Archiven wurden Dokumente zur Zwangsarbeit recherchiert und mit den Erlebnissen abgeglichen.
Aber hunderte Kinder sind auf Registrierungskarten als Zwangsarbeiter verzeichnet. Sie waren noch zu jung, um vor der Deportation einen Beruf gehabt zu haben, und das Feld „Beruf“ gibt deshalb entweder keine Auskunft oder es steht dort: „Schüler“. Diese Kinder mussten genauso schuften wie Erwachsene. Die sogenannte Arbeitspflicht und die damit einhergehenden Deportationen galt auch für Kinder, zunächst ab 14 Jahren, ab 1944 auch für Kinder ab 10 Jahren.
Johannes-Dieter Steinert, Professor für Modern European History and Migration Studies an der University of Wolverhampton in Großbritannien, hat sich des Themas „Kinder als Zwangsarbeiter“ angenommen. In einem ersten Band, der 2013 erschien, trug er aber hunderte Zeugnisse aus allen relevanten Archiven Europas zusammen. Dabei führte er als Untersuchungskategorien u.a. Aspekte wie Alter und Geschlecht ein. Bereits dieses Buch bewies das Zusammenwirken von nationalsozialistischen Organisationen, Teilen der Wehrmacht und Kollaborateuren und beleuchtete die rücksichts- und empathielose Ausbeutung der betroffenen Kinder durch die unterschiedlichen Betriebe und deren Personal. Steinert ist ein ausgewiesener Kenner des Themas und beweist immer wieder einen sensiblen Umgang mit Zeitzeugeninterviews und Egodokumenten.
Nun liegt der zweite, hier zu besprechende, Band über jüdische Kinder als Zwangsarbeiter vor. Die Untersuchung gliedert sich in vier Abschnitte: In den ersten beiden Kapiteln wird von der Entwicklung der Zwangsarbeit im Reich selbst und infolge der deutschen Besatzung („Politik und Besatzung“) sowie von der Zwangsarbeit in Polen und anderen osteuropäischen besetzten Staaten („Ghettos und Lager“) berichtet. Hierbei ist eine chronologische Gliederung gewählt worden. Wien und Berlin werden so u.a. im ersten Teil Fixpunkte. Im zweiten Teil nähert sich der Autor über u.a. Krakau und Ghettos wie Litzmannstadt und Warschau oder dem Geschehen in Minsk den Erlebnissen der jüdischen Kinder-Zwangsarbeiter an. Das Folgekapitel „Erfahrungen und Erinnerungen“ greift eine breitere Zeitdimension auf und gliedert sich in Temen wie „Leben und Arbeit“, „Gewalt und Missbrauch“ oder „Sabotage und Widerstand“. Dieser dritte Teil bettet die Berichte in den historischen Kontext der NS-Verbrechen ein und zeigt auf breitem Raum den brutalen Zwang, dem die Kinder unterlagen. Das letzte Kapitel beleuchtet „Kriegsende und Befreiung“ und gibt Erinnerungen wieder an die letzten Wochen vor der Befreiung, die Todesmärsche, aber auch an die Erfahrungen der Befreiung und die Konfrontation mit dem Verlust all dessen, was einmal die eigene Welt gewesen war. Auch werden die Folgen der Befreiung und die Konfrontation mit dem Verlust all dessen, was einmal die eigene Welt gewesen war, thematisiert.